Bei diesem Projekt zeigte sich einmal mehr, wie anspruchsvoll die Arbeit am Bestand sein kann: Das vorhandene Fachwerk hatte im Laufe der Zeit zunehmend an Tragfähigkeit verloren. Schließlich war die Konstruktion so weit geschwächt, dass sich die Wand sichtbar nach außen neigte und akute Einsturzgefahr bestand – insbesondere kritisch, da sich der betroffene Giebel direkt an einer Durchgangsstraße befand.





Sicherung und Vorbereitung
Im ersten Schritt stand daher die Sicherung der Konstruktion im Fokus. Sämtliche tragenden Hölzer wurden sorgfältig abgestützt, um ein unkontrolliertes Versagen während der Arbeiten zu verhindern. Parallel dazu wurde die Innenseite des Gebäudes eingerüstet und der Arbeitsbereich vorbereitet, sodass alle weiteren Maßnahmen kontrolliert und sicher durchgeführt werden konnten.


Rückbau des geschädigten Fachwerks
Nach der Stabilisierung begann der gezielte Rückbau: Das geschädigte Fachwerk wurde abschnittsweise ausgeschlagen und das alte, nicht mehr tragfähige Holz weitestgehend entfernt. Besonderes Augenmerk lag dabei auf einem kontrollierten Vorgehen, um die Sicherheit des Straßenverkehrs jederzeit zu gewährleisten. Der anfallende Bauschutt wurde nach außen verbracht, verladen und fachgerecht abgefahren.



Neuer Aufbau auf bestehendem Sockel
Der vorhandene Sockel erwies sich als stark angegriffen und nicht ausreichend tragfähig für die neue Konstruktion. Daher wurde zunächst ein Betongurt aufgebracht, um eine stabile und gleichmäßige Lastverteilung zu gewährleisten.


Auf dieser Grundlage konnte anschließend der neue Giebel in Holzständerbauweise errichtet werden.



Die Konstruktion wurde einseitig beplankt und bildet nun wieder eine sichere, tragfähige Gebäudehülle.


Außenseitig erfolgte die Verkleidung mit einer sägerauen Boden-Deckel-Schalung, die nicht nur funktional ist, sondern auch optisch dem Charakter des Gebäudes entspricht.





Wirtschaftlichkeit und Sicherheit im Fokus
Zwei Aspekte standen während der gesamten Bauphase besonders im Vordergrund:
Zum einen die Sicherheit – sowohl für die ausführenden Handwerker als auch für den laufenden Durchgangsverkehr. Zum anderen die Wirtschaftlichkeit: Alle Maßnahmen wurden so geplant und umgesetzt, dass die Kosten möglichst gering gehalten werden konnten, ohne Kompromisse bei der Standsicherheit einzugehen.
Ergänzende Sicherungsmaßnahmen am Anbau
Ein weiterer Punkt betrifft den angrenzenden Backsteinanbau, der ebenfalls eine leichte Neigung nach außen aufweist. Hier wird ergänzend eine Stahlkonstruktion angebracht, um die bestehende Lage dauerhaft zu sichern. Ziel ist es, den aktuellen Zustand zu stabilisieren und ein weiteres Nachgeben zu verhindern, ohne die vorhandene Struktur grundlegend zu verändern. Die Konstruktion befindet sich derzeit noch in der Fertigung und wird nach der Verzinkung montiert.
Fazit
Dieses Projekt verdeutlicht die Vielseitigkeit und Fachkompetenz des Zimmererhandwerks. Von der statischen Einschätzung über die Sicherung und den Rückbau bis hin zum präzisen Neuaufbau in Holzständerbauweise – alle Arbeitsschritte erfordern Erfahrung, handwerkliches Können und ein gutes Verständnis für bestehende Bausubstanz. Gerade bei komplexen Sanierungen im Bestand zeigt sich, wie wichtig eine durchdachte und fachgerechte Ausführung ist.
Glossar
Fachwerk
Traditionelle Bauweise aus einem Tragwerk aus Holz, dessen Zwischenräume (Gefache) mit anderen Materialien ausgefüllt sind.
Abstützen (Absteifen)
Temporäre Sicherung einer Konstruktion durch zusätzliche Stützen, um Einsturz während der Bauarbeiten zu verhindern.
Giebel
Der obere, dreieckige Wandabschluss eines Gebäudes an der Stirnseite des Daches.
Betongurt
Ein umlaufendes Betonbauteil zur Stabilisierung und Lastverteilung im Mauerwerk oder Holzbau.
Holzständerbauweise
Bauweise, bei der die Lasten über ein Gerüst aus vertikalen Holzständern abgetragen werden.
Beplankung
Verkleidung einer Konstruktion, meist mit Holzwerkstoffen oder Brettern, zur Aussteifung oder als Oberfläche.
Boden-Deckel-Schalung
Holzverkleidung aus sich überdeckenden Brettern, bei der eine untere Lage (Boden) durch eine obere (Deckel) überlappt wird.
Sägerau
Holzoberfläche, die nach dem Sägen unbehandelt bleibt und dadurch eine raue Struktur aufweist.
Sockel
Der untere Teil einer Wand oder eines Gebäudes, der die Lasten in den Untergrund ableitet.
Verzinken
Korrosionsschutzverfahren, bei dem Stahl mit einer Zinkschicht überzogen wird.


